Muslimische Flüchtlinge und Ramadan

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Ramadan         27.5. bis 24.6.2017

Ramadan in der Fremde

Die muslimischen Flüchtlinge bereiten sich auf den Ramadan vor. Für manche wird es der erste Ramadan in einer nichtmuslimischen Gesellschaft sein. D.h. sie sind in einem Kontext, der eben nicht darauf eingestellt ist, und sie müssen selber erst ihre Art des Umgangs damit finden.

Insofern ist es für sie und für uns als Begleiter ein Novum.

 

Ramadan als religiöse Pflicht

Das Fasten im Monat Ramadan ist eine der 5 Säulen des Islam, vermutlich die gesellschaftlich relevanteste. Es bedeutet einen enormen Einschnitt in das alltägliche Leben, indem sie den Tagesablauf komplett anders strukturiert; und es ist zugleich Anlass für extensive soziale Kontrolle.

Praxis des Ramadan

Es wird gefastet in Bezug auf Nahrungsaufnahme (Essen UND Trinken; zu Medikamenten gibt es unterschiedliche Auffassungen), Rauchen und Geschlechtsverkehr von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Da in der islamischen Zeitrechnung das Mondjahr ausschlaggebend ist, bewegt sich der Ramadan in jedem Jahr um 11 Tage zurück, im Jahr 2016 war er 6.6. – 5.7., in diesem Jahr 2017 von 27.5. bis 24.6.2017; der genaue Beginn des Ramadan kann um einen Tag variieren, weil die neue Mondsichel mit bloßem Auge gesichtet werden muss. Unterschiedlicher Beginn kann auch zur Abgrenzung von türkisch und arabisch dominiertem Islam genutzt werden, teils auch zwischen sunnitischem und schiitischem.

Da der Ramadan z.Zt. in den Frühsommer und damit in die Zeit der längsten Tage im Jahr fällt, ist er hierzulande schwierig (Dauer: von ca. 5.00 Uhr bis nach 21.30 Uhr; ändert sich täglich, je nach Sonnenstand). Einige Gelehrte erlauben für die Sommer in Mittel- und Nordeuropa die Fastenzeiten von Mekka und Medina.

Verpflichtend ist das Fasten für alle volljährigen und gesunden Muslime, die durch das Fasten keinen körperlichen Schaden davontragen werden.

Im Umkehrschluss heißt es: befreit sind Kinder, Menstruierende, Schwangere, Stillende und Kranke (diese können das Fasten nachholen), sowie Reisende.

Im Nahen Osten stellt sich die gesamte Gesellschaft darauf ein: wer nur kann, nimmt Urlaub; die Produktivität in Behörden und Firmen sinkt auf ein Minimum, der Tagesrhythmus stellt sich komplett auf das Fasten, d.h. auf die Nachtstunden ein – Besuche, opulentes Essen (Verbrauch an Nahrungsmitteln und Süßigkeiten steigt auf Rekordniveau), Fernsehprogramm (extra Seifenopern und Serien für Ramadan), alles ist festlich geschmückt.

Allerdings: Im Nahen Osten ist der Frühsommer die Zeit von Abschlussprüfungen in Schulen und Universitäten. Die Prüfungen finden regulär statt; jeder muss selbst sehen, wie er leistungsfähig bleibt – schließlich darf das Fasten nachgeholt werden.

Es gibt Länder, in denen auch Nichtmuslime während dieser Zeit nicht in der Öffentlichkeit essen und trinken dürfen; Restaurants und Imbisse sind tagsüber geschlossen.

Abgeschlossen wird der Ramadan mit dem Fastenbrechenfest vom 25.-27.6.2017 (arabisch: Id al-Fitr). Die Beurlaubungsmöglichkeiten hat das Schulgesetz von BW klar geregelt. Kinder, die der islamischen Religion angehören, können an folgenden Feiertagen für je  einen Tag vom Schulbesuch beurlaubt werden: Fest des Fastenbrechens / Id al-Fitr / Zuckerfest und Opferfest / Id al-adha / Kurban Bayramı.Eltern, die ihr Kind hierfür beurlauben möchten, müssen dies rechtzeitig (mindestens eine Woche vorher) schriftlich bei der Klassenlehrerin beantragen. Der Antrag wird dann genehmigt.

(Ausführlicher dazu im Wikipedia Artikel „Ramadan“ https://de.wikipedia.org/wiki/Ramadan, ferner: http://ramadan-2016.net/

Die genauen Zeiten in dieser Tabelle: http://islam.de/sections/servicepoint/gebetszeiten/diwan2016/Stuttgart_Baden-Wu%CC%88rttemberg_2825297.txt  von Fagr-Gebet bis Magreb-Gebet; die Spalte „Hijri“ bedeutet die islamische Zeitrechnung, d.h. der 6.6. ist der 1. Tag im Monat Ramadan

Hier http://ramadantermine.de/ sind andere Zeiten angegeben…)

Wie wir als Betreuer damit umgehen?

Selbstverständlich erhält jeder die Freiheit, mit diesem Gebot auf seine Weise und nach eigenem Gewissen umzugehen (in Details sind sich auch muslimische Gelehrte nicht einig; deshalb kann die Ausführung variieren, je nachdem, welcher Rechtsschule man angehört). Ob ihr selbst bei einem Besuch mitfastet, also z.B. während eines Besuchs keinen angebotenen Tee trinkt, ist eure eigene Entscheidung. Da gibt es kein Richtig und Falsch.

Es ist eine schöne Geste, zum Ramadan zu gratulieren: „Ramadan karim“ oder „Ramadan mubarak“ (gesegneten Ramadan)

Das Fastenbrechen (iftar) wird täglich besonders gefeiert; sicher werdet ihr dazu eingeladen.

Aber auch: Wenn jemand nicht mehr so streng mitmachen will, muss er diese Freiheit bekommen und darf nicht der Sozialkontrolle unterworfen werden.

Ebenso gilt es, Rücksicht auf andere Heimbewohner zu nehmen und nicht die Nacht zum Tag zu machen, etwa durch laute Musik bis in die Morgenstunden. Wer zur Schule oder Arbeit geht, soll nicht unter dem geänderten Tag-Nacht-Rhythmus leiden müssen.

Worum ich sehr bitten möchte: Habt ein Auge auf die Kinder!

Die Erwachsenen sind frei zu tun, was sie wollen (obwohl häufig eher die Konventionen und die Gesellschaft das Prinzip des Handelns vorgibt).

Pflicht ist das Fasten nur für Volljährige, wobei religiöse Volljährigkeit ab der Pubertät angesetzt wird. Soweit die religiöse Vorschrift.

In der Praxis werden Kinder ab etwa 7 Jahren schrittweise zum Fasten hingeführt, d.h. sie beginnen mit stundenweisem Fasten, das gesteigert wird. Dieses Teilfasten sollte nicht in den Morgenstunden stattfinden, wodurch Kinder übermüdet und entkräftet zur Schule kommen. In Gesprächen ist darauf hinzuwirken, dass die Kinder ihr Teilfasten nachmittags oder abends praktizieren.

In Syrien ist Fasten ab dem Alter von ca. 10 Jahren üblich.

Das Kindeswohl hat in jedem Fall Vorrang vor übertriebenem religiösem Ehrgeiz.

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